PRESSE

Grafschafter Nachrichten vom 17.05.2006

Liebe im Schatten des Hakenkreuzes

Roman Joana Brouwers beachtliches Romandebut

VON BERND DURSTEWITZ

Nordhorn – Die gebürtige Grafschafterin Joana Brouwer hat einen Romanerstling veröffentlicht, der Liebesmotivik, kriminalistische Elemente und den "rassenschändenden" Nazi-Fluch so ineinander fügt, dass der Leser – trotz einiger Ungeschicklichkeiten – mit Interesse, Spannung und Engagement dem Gang der Handlung folgt: "Wenn die Sonne weggegangen" (Münster, 2006, Principal Verlag; 305 Seiten). Das Interesse ist historisch bedingt und fragt nach dem Leben unter dem Nazi-Galgen. Die Spannung konzentriert sich auf die Aufdeckung von Mord und Mordversuchen. Das Engagement ist emotional und fühlt sich berührt von Liebe und Hass. Die Handlung umspannt – zeitversetzt – die Jahrzehnte von 1932 bis zur Gegenwart in Deutschland.
Der Titel mutet auf den ersten Blick etwas ungelenk bzw. loreromanhaft an, wird aber literarisch und funktional voll gerechtfertigt im Verlaufe der Handlung. Die im Titel zitierte Anfangszeile eines Gedichts von Clemens Brentano ist atmosphärisches Motto und lyrischer Code zugleich. Seine melancholische Nachtstimmung spiegelt chiffriert ein Liebesschicksal unterm Hakenkreuz wider, das weitgehend im letzten Romandrittel in Form von Briefen und Tonbändern aufgedröselt wird. Allmählich entfaltet sich in analytischer Rückblendentechnik das Liebesverhältnis zweier befreundeter Pärchen im "3. Reich", die unter dem Damoklesschwert der "Rassenschande" leben müssen.
Steffen Goldmann, talentierter Sohn aus wohlhabendem deutschjüdischen Arzthause, liebt die quirlig-reizvolle Evelyn Hauser, "Arierin" weniger durch Aussehen als durch Herkunft. Steffens Schwester Lilly dagegen, äußerlich Typ "germanisches Mustermädel", liebt den "Arier" Albert Brandt. Alle vier sind Freunde und genießen das Leben, bis der dummbrutale Rassenwahn der Nazis ab 1933 ihr Leben und das der Eltern Goldmann nach und nach vergiftet und zerstört. Boykott der jüdischen Gewerbetreibenden, Ausschaltung der Juden aus Staatsleben, Wirtschaft und Öffentlichkeit, Aberkennung der Staatsbürgerschaft 1935, Verbot sog. "Mischehen", Pogrom 1938 und all die vielen "kleinen" Denunziationen und anderen Gemeinheiten durch die rechtschaffenen "arischen" Nachbarn und Kollegen, geboren aus Missgunst, Neid und Habgier – diese perverse Nazi-Rassenpolitik, die im "Herrenmenschen" den "Untermenschen" nach oben kehrte, zerbricht das Leben der Viererbande.
Davon weiß die Enkelgeneration der Gegenwart in der Gestalt von Evelyns Enkelin Eva Peters nur wenig. Eva, mehr Künstlerin als Architektin, wird im Architekturbüro Hartmann – zunächst gegen den Widerstand des Juniorchefs Max Hartmann – angestellt. Zwischen Eva und Max entwickelt sich jedoch bald eine Romanze wider Willen, die rasch in tieferes Fahrwasser gerät. Was beide zunehmend beunruhigt, das sind Anschläge auf das Leben Evas. Eva und Max versuchen, in Gegenwart und Vergangenheit recherchierend, Motive für die Attentate und Abwehrmaßnahmen zu entwickeln. Dabei geraten sie immer tiefer in Evas deutsch-jüdische Vergangenheit und in einen Neonazi-Sumpf, dessen stinkendes Wasser aus alten braunen Quellen gespeist wird. Villa und Grundstück der Goldmanns, nunmehr Eva Peters gehörend, spielen eine wichtige Motivrolle.
Was den Anfänger im Romanschreiben verrät, das sind Konstruktionsschwächen und Stilwidrigkeiten im Einzelnen: Andeutungen, die Handlung betreffend, sind manchmal zu offenkundig gesetzt; Leerstellen fehlen; die Personenkonstellation Evelyn – Albert ist nicht stimmig; die Attentate auf Eva und ihre Mutter und deren kriminalistische Aufarbeitung hätten der darstellenden Feinarbeit bedurft. Die redeeinleitenden Verben sind manchmal beflissen oder unpassend (Max "grinst" oft); sprachliche Klischees fallen auf.
Doch werden diese Mängel im Detail bei Weitem aufgewogen durch den engagierten Ernst der Themenbehandlung (Nazi- und Neonaziverbrechen) und durch das Geschick, mit dem kriminalistische Motive, Liebesfacetten und die Nazivergangenheit miteinander verwoben werden. Der Plot und seine Entfaltung in der Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit sind einfallsreich und fesselnd. Der Leser liest, obwohl er früh vieles ahnt und anfangs mehr weiß als die Hauptpersonen, dennoch mit zunehmendem Interesse und mit emotionaler Beteiligung. Ein lesenswerter, guter Anfängerwurf.


Wenn die Sonne weggegangen

ekz-bibliotheksservice GmbH


Artikelnummer: LA 132.789.7 vom September 2006

Als die junge Eva auf Vorschlag des Seniorchefs in dessen Architekturbüro angestellt wird, ist der Sohn Max zunächst sehr dagegen. Doch ändert sich das bald, denn die beiden werden ein harmonisches Liebespaar und heiraten. Plötzlich verüben Unbekannte mörderische Anschläge auf Eva. Ihr Haus geht in Flammen auf. Wer steckt dahinter? Nach und nach kommt eine alte Geschichte auf, die im Dritten Reich begann und die Nürnberger Gesetze mit den "Verbrechen der Rassenschande" tangiert. Evas Haus und Anwesen wollen antisemitisch eingestellte scheinbare Erben mit Gewalt übernehmen und die eigentlich Berechtigte wie zuvor ihre Mutter umbringen.
Geheimnisse und Halbwahrheiten aus jener unseligen Epoche werden aufgerollt. So verbindet der Liebesroman zeitgeschichtliche Fakten auf zwei unterschiedlichen Handlungsebenen, die nazistische NS-Parolen mit aktuellen rechtsradikalen Angriffen aufreibend kombinieren.

- Breiter empfohlen.-

Rezensent: Gerd Kriebisch


Wenn die Sonne weggegangen

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